
Stell dir vor, dein Amiga 2000, 3000 oder 4000 bootet lautlos von einer SSD, tauscht über das Netzwerk Dateien mit deinem PC aus und spielt 16-Bit-Sound von einer Clockport-Karte, alles aus einem einzigen Zorro-Slot. Genau das leistet die Multiface. Dieser Ratgeber zeigt, was die Karte möglich macht, wie ihre Speicheranschlüsse und Jumper zusammenspielen und wie du Laufwerke und Netzwerk zum Laufen bringst.
Was die Multiface eröffnet

- Lautloser, schneller SSD-Speicher: Eine M.2- oder SATA-SSD ersetzt eine laute, altersschwache Festplatte, mit Platz für AmigaOS 3.2, alle deine Programme und eine ganze WHDLoad-Spielesammlung.
- Ein CD- oder DVD-Laufwerk am zweiten IDE-Kanal, für CD-ROM-Software und Audio-CDs.
- Compact-Flash, von aussen erreichbar: ein Slot am Slotblech der Karte für ein zusätzliches Laufwerk oder für den Datentransfer, ohne das Gehäuse zu öffnen (schalte den Amiga vorher aus).
- Dein Amiga im Netzwerk: Dateien per SMB oder FTP mit deinem PC oder NAS austauschen, direkt aus dem Aminet laden, E-Mails lesen, im IRC chatten, sich per Telnet oder SSH anmelden.
- Ein Clockport für A1200-kompatible Erweiterungen wie eine USB-Schnittstelle oder eine 16-Bit-Soundkarte.
- Mehr freie Slots: Vier Funktionen auf einer Karte lassen die übrigen Zorro-Slots frei für eine Grafikkarte oder andere Erweiterungen.
Eine Karte, vier Aufgaben
Big-Box-Amigas haben Zorro-Slots, aber jede Karte belegt einen, und viele ältere Karten beherrschen nur eine Aufgabe. Die Multiface vereint vier Funktionen auf einer Zorro-Karte in voller Länge:
- eine 2-Kanal-IDE-Schnittstelle (primär und sekundär) für bis zu vier IDE/ATAPI-Geräte gleichzeitig
- eine SATA-SSD oder ein M.2-Speichermedium mit B-Key (eines davon, nicht beide gleichzeitig)
- einen schnellen Ethernet-Anschluss für dein Netzwerk und das Internet
- einen A1200-kompatiblen Clockport für Erweiterungen wie eine USB-Schnittstelle oder eine 16-Bit-Soundkarte
Die Karte funktioniert in jedem Amiga mit Zorro-II- oder Zorro-III-Slots. Die IDE-Schnittstelle läuft auf allen Amigas im Zorro-II-Modus. In A3000(T) und A4000(T) schaltet die Ethernet-Schnittstelle in den Zorro-III-Modus.

Vier Wege, Speicher anzuschliessen
- IDE-40: der klassische zweireihige 40-polige Anschluss oben auf der Karte, für Festplatten und optische Laufwerke (CD-ROM, CD-RW, DVD-ROM, DVD-RW und so weiter).
- IDE-44: der 44-polige Anschluss in der Mitte der Karte. Die vier zusätzlichen Pins führen Strom, deshalb brauchen 2,5-Zoll-Laptopfestplatten und Compact-Flash-Adapter kein separates Stromkabel.
- Compact-Flash: ein Slot am rechten Rand der Karte, den du von ausserhalb des Gehäuses erreichst. Er ist nicht Hot-Swap-fähig: Schalte den Amiga immer aus, bevor du eine Karte einsteckst oder entnimmst.
- SATA oder M.2: ein M.2-Sockel auf der Vorderseite der Karte und ein SATA-Anschluss oben auf der Rückseite. Ein JM20330-Chip übersetzt zwischen parallelem und seriellem ATA. Verwende einen der beiden, nie beide gleichzeitig.
Die richtige M.2-SSD wählen
Nicht jede M.2-SSD funktioniert. Die Karte braucht eine SATA-SSD, keine NVMe-SSD:
- SSD-Typ: M.2-SATA-SSD (NVMe wird nicht unterstützt)
- Schnittstelle SATA III, Protokoll AHCI (SATA)
- Formfaktor M.2 2280
- sowohl eine B-Key- als auch eine M-Key-Kerbe am Anschluss (Laufwerke mit nur einem M-Key sind NVMe)

Wie die Laufwerke zugeordnet werden
Jeder IDE-Kanal nimmt zwei Geräte auf, einen Master und einen Slave. Ab Werk ist die Karte so eingerichtet:
| Kanal | Master | Slave |
|---|---|---|
| Primärer IDE-Kanal | IDE-40 | Compact-Flash |
| Sekundärer IDE-Kanal | IDE-44 | SATA/M.2 |
Werkseinstellung: M/S geschlossen, JP3 in der Standardposition, alle drei JP5-Jumper rechts, alle anderen Jumper offen. Die Jumper entlang der Oberkante ändern das:
| Jumper | Funktion |
|---|---|
| HDD-OFF | Geschlossen schaltet er beide IDE-Kanäle ab; offen (Standard) bleiben sie eingeschaltet. |
| M/S | Offen: SATA/M.2 ist Master und IDE-44 Slave. Geschlossen: SATA/M.2 ist Slave und IDE-44 Master. |
| SATA-OFF | Deaktiviert die SATA/M.2-Schnittstelle, sodass der Compact-Flash-Slot auf den sekundären Kanal wechseln kann und der primäre Kanal zwei weitere Geräte aufnimmt. |
| CF-CONFIG | Offen: Compact-Flash ist Slave. Geschlossen: Compact-Flash ist Master. |
| JP5 | Alle drei Jumper rechts: Compact-Flash am primären Kanal. Alle drei links: am sekundären Kanal. |
| JP3 | Vertauscht den primären und den sekundären Kanal. |
| CS-SEL | Legt Master/Slave von aussen fest, für Laufwerke ohne eigenen Jumper, etwa Slim-CD/DVD-Laufwerke. |
| KEY-POW | Legt +5 V auf Pin 20 des IDE-40-Anschlusses, zum Beispiel um manche Compact-Flash-Adapter ohne zusätzliches Kabel zu versorgen. |
| ROM-SEL | Wählt einen alternativen Treiber im Boot-EPROM, das Platz für mehr als einen hat. |
Eine Warnung: Die beiden kleinen Stiftleisten mit der Beschriftung «IDE» und «SATA» nahe der Mitte der Oberkante, neben den beiden LEDs, sind für externe LEDs gedacht, zum Beispiel an der Gehäusefront. Steck niemals einen Jumper darauf: Das verursacht einen Kurzschluss.
Die Laufwerke einrichten
Die Karte verwendet den quelloffenen LIDE-Treiber. Er sitzt im Boot-ROM der Karte und startet mit AmigaOS, so kannst du von den Laufwerken booten. Für grosse Laufwerke empfehle ich dringend AmigaOS 3.2 oder neuer.
- Öffne die Schublade Tools, markiere das Icon von HDToolBox und wähle im Menü Information.
- Prüfe, ob die Tool Types SCSI_DEVICE_NAME=lide.device enthalten, und speichere.
- Starte HDToolBox, richte die Laufwerke ein und partitioniere sie. Setz für jedes Gerät Automount.
- Setz bei Compact-Flash-Karten immer Mask auf 0x7FFFFFFE und MaxTransfer auf 0x1FE00.
- CD- und DVD-Laufwerke werden mit CD0:/CD1:-Einträgen in SYS:Devs/ eingebunden. Unit 0 ist der primäre Master, Unit 1 der primäre Slave, Unit 2 der sekundäre Master und Unit 3 der sekundäre Slave.
Im normalen Betrieb überträgt die IDE-Schnittstelle zwischen 1,6 MB/s und 2,6 MB/s.
Deinen Amiga ins Netz bringen
Mit dem Ethernet-Anschluss tauscht dein Amiga per SMB oder FTP Dateien mit Linux-, Windows- und macOS-Rechnern aus, surft im Web, verschickt E-Mails mit SimpleMail oder YAM und meldet sich per Telnet oder SSH bei anderen Rechnern an. Du brauchst einen TCP/IP-Stack wie Roadshow, AmiTCP, MiamiDX oder Genesis und einen Browser wie iBrowse 2.4 mit AmiSSL, Voyager oder AWeb.
Der Netzwerktreiber liegt auf der mitgelieferten Diskette. Auf einem Amiga mit 68020 CPU oder besser kopierst du enc624j6net.device nach SYS:Devs/Networks/ und installierst dann den TCP/IP-Stack und den Browser. Mit einer originalen 68000 CPU kopierst du stattdessen enc624j6net.device_68000 und benennst die Datei in enc624j6net.device um. Für 68000-Rechner ist Roadshow der empfohlene TCP/IP-Stack.
Wie schnell ist das? Die Verarbeitung der Netzwerkdaten im TCP/IP-Stack ist Schwerarbeit für die CPU, deshalb hängt das Tempo vor allem vom Prozessor ab. Ein Amiga 2000 mit 68020 CPU kann mit bis zu 100 kB/s rechnen. Ein Amiga 4000 mit 68060 CPU erreicht problemlos über 600 kB/s, eine 68030 oder 68040 CPU liegt dazwischen. Achte beim Messen darauf, dass der Server, von dem du lädst, genügend Bandbreite liefert. Eine schnellere CPU zahlt sich deshalb doppelt aus: Lies meine Ratgeber zur TK68030v2 für A500 und A2000 und zum Aufrüsten von A3000 und A4000 mit einer 68060 CPU.

Mein Ratgeber Mit dem Amiga ins Netz vergleicht die Netzwerklösungen für die anderen Amiga-Modelle.
Der Clockport
Der Clockport nimmt dieselben Erweiterungen auf wie der Clockport des Amiga 1200, zum Beispiel eine USB-Schnittstelle oder eine 16-Bit-Soundkarte. So bekommst du diese Extras in einem Big-Box-Amiga, ohne einen weiteren Zorro-Slot zu belegen.
Den Treiber aktualisieren
Du kannst den LIDE-Treiber im EPROM vom Amiga selbst aus aktualisieren, ohne EPROM-Programmiergerät. Lade die ADF-Datei der neuesten Version von den lide.device-Releases auf GitHub herunter (zum Beispiel lide-update-40.10.adf). Schreib sie auf eine Diskette, zum Beispiel mit ADFer von aminet.net, oder starte sie von einem Gotek-Laufwerk. Die Diskette bootet direkt ins Update.
Wenn etwas nicht erscheint
- Auf der Workbench erscheinen nur die Geräte eines Kanals: Prüfe, ob jeder Kanal einen Master und einen Slave hat und ob in HDToolBox für jedes Gerät Automount gesetzt ist, und versuche, die Kanäle mit den beiden JP3-Jumpern zu vertauschen.
- Die Compact-Flash-Karte erscheint nicht, oder ein zweites Gerät am selben Kanal macht Probleme: Prüfe Mask 0x7FFFFFFE und MaxTransfer 0x1FE00 in HDToolBox.
- Instabile Laufwerke: Miss die +5-V-Leitung auf der Karte mit einem Multimeter. Liegt sie unter 4,85 V, verbinde ein Floppy-Stromkabel vom Netzteil mit einem der Floppy-Stromanschlüsse auf der Karte.
Multiface oder etwas anderes?
- Multiface: die All-in-one-Karte für A2000, A3000(T) und A4000(T), wenn du SSD-Speicher, Ethernet und einen Clockport in einem Slot möchtest.
- Multiface Mini: die kleinere Vorgängerin mit Ethernet, einem BSC-AT-Bus-kompatiblen IDE-Controller mit Autoboot-ROM (Kickstart 1.3 bis 3.2) und einem Clockport, für Big-Box-Amigas und einen A500 mit Zorro-Interface. Sie hat weder SATA noch M.2 noch einen Compact-Flash-Slot.
- Maximales Speichertempo in einem A3000(T) oder A4000(T): Der Zorro-III-DMA-SCSI-Controller ReA4091 mit einem BlueSCSI v2 erreicht in der Praxis 6-8 MB/s. Er braucht einen Super-Buster-11-Chip.
- A4000 Desktop, nur Speicher: Mit der Amiga 4000 IDE-Erweiterung nutzt der eingebaute IDE-Port beide Kanäle, also bis zu vier Geräte.
Wer sie entwickelt hat
Der erste Entwurf von 2019 mit IDE, Ethernet und Clockport stammt von Matthias Heinrichs und Henryk Richter. 2024 hat Sven die Karte als Zorro-Karte in voller Länge neu entworfen, mit der SATA/M.2-Schnittstelle, zwei IDE-Kanälen und dem Compact-Flash-Slot. Der LIDE-Treiber wird von LIV2 entwickelt. Ich verkaufe diese Version der Multiface unter einer offiziellen Lizenz von Sven und zahle für jede Karte eine Lizenzgebühr.
Das vollständige Handbuch gibt es auf Englisch (PDF) und auf Deutsch (PDF).
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